Interview mit Mijana Lenik zu ihrem aktuellen Buch „Club 96“

erstellt von: HOMO Littera | Kategorie(n): Interviews

Das Autorenduo „Mijana Lenik“ hat uns zu seinem aktuellen Buch „Club 96“ ein Interview gegeben

Hallo Mijana. Vor Kurzem ist euer Buch „Club 96“ erschienen. Es handelt von dem schwulen Hauptkommissar Tobias Hennings, der sich bei der Aufklärung seines Falles in einen wichtigen Zeugen verliebt. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, euren Hauptkommissar schwul werden zu lassen? Fesselt euch dieses Genre auch privat?

Mijana: Zunächst bedanken wir uns schon vorab für die Möglichkeit dieses Interviews. Das ist alles ziemlich aufregend für uns. Damit uns niemand für schizophren hält, haben wir uns entschieden, gelegentlich auch mal getrennt voneinander zu antworten. Claudia und Corinna eben. Jetzt stellt sich bei einigen sicher die Frage: Warum schreiben die unter Pseudonym, wenn sie hier schon mit ihren Vornamen „herausrücken“. Wenn wir so darüber nachdenken, hätten wir ja falsche Namen verwenden können – Tobias und Julian zum Beispiel. Nee, das wäre doof und eher kindisch. Und aus dem Alter sind wir ja nun definitiv raus. Zum Pseudonym ist es gekommen, weil wir es a) schöner finden, wenn nur ein Name auf einem Buchcover steht und b) gibt es da ja noch unsere Kids, die beide noch zur Schule gehen. Und auch wenn die zwei (mehr oder weniger – für Jungs ist das schon ein größeres Problem) hinter dem stehen, was ihre Mütter da verzapft haben, wollten wir nicht riskieren, dass sie sich in der Schule in irgendeiner Form deswegen würden rechtfertigen müssen.

Ja, warum ist Tobias schwul und lesen wir das Genre auch privat?

Corinna: Ich bin seit Jahren großer Krimi-Fan und mir war aufgefallen, dass es in allen Romanen, die ich bisher gelesen habe, niemals einen schwulen Detektiv, Kommissar oder auch nur Hauptcharakter gegeben hat. Im Privatleben lese ich hauptsächlich Krimis und historische Romane. Natürlich tauchen in diesen Romanen homosexuelle Charaktere auf, doch das sind dann halt nur Nebenfiguren.

Claudia: Ich muss dazu sagen, dass ich schon seit einigen Jahren Geschichten schreibe – solche, die noch niemand zu lesen bekommen hat und halt auch viele mit anderen Co-Autoren, die man im Internet finden kann. Und vor allem bei den Letzteren gibt es keine einzige, in der es keine homosexuellen Charaktere gibt. Zum Lesen komme ich, ehrlich gesagt, eher weniger. Viel lieber schreibe ich eben selbst. Ich denke, die treibende Kraft, Tobias schwul sein zu lassen, war dann wohl ganz klar ich. „Bedingung“ von Corinna war der Krimi. Da habe ich mich dann dezent zurückgehalten, weil ich da nicht so versiert bin wie sie.

Eure beiden Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein: Tobias, der große, raue Kriminalkommissar, der nichts und niemanden an sich heranlässt, und Julian, der feingliedrige Student, der mit Gefühlskälte und Grobheit nicht umgehen kann. Denkt ihr, dass sich Gegensätze wie diese anziehen? Wie sahen eure Recherchen dazu im Vorfeld aus?

Mijana: Recherchen? Öhm … diesbezüglich waren die eher dünn gesät und wohl besser mit Lebenserfahrung zu betiteln. Natürlich haben wir uns auch bei „Tante Wikipedia“ und „Onkel Google“ bedient, doch da ging es dann hauptsächlich um den Umgang mit Spinnen (Claudia graut es heute noch davor) und Drogenpreisen (wobei der Verlag hier ja so nett ausgeholfen hat! Danke noch mal).

Claudia: Zur ersten Frage: Ich denke, das trifft genauso zu wie „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Viel besser trifft es doch: „Wo die Liebe hinfällt“. Wichtig ist doch nur, dass sie auf Gegenseitigkeit beruht! Leider gibt es noch viel zu viele Leute, die damit so ihre Probleme haben.

Corinna: Also, ich glaube schon, dass von solchen Gegensätzen immer eine große Faszination ausgeht, denke aber, dass in solchen Fällen eine längerfristige Beziehung mit viel Kampf verbunden ist, weil beide Seiten immer gezwungen sind, Kompromisse einzugehen.

Lest ihr selbst „Hardboiled Krimis“?

Corinna: Ich leidenschaftlich. Aber ich habe mit den sogenannten Whodunit angefangen. Meine ersten Krimis waren die mit Miss Marple und Hercule Poirot.

Claudia: Ich gebe zu, diesen Begriff musste ich erst einmal googeln. Und ich weiß auch nicht, ob ich ihn so wirklich 100%ig verstanden habe. Ich lese, was ich gerade in der Hand halte. Und das ist immer noch ein gedrucktes Buch. Ich gehöre zu den hartnäckigen E-Book-Verweigerern. Mal sehen, wie lange ich das noch durchhalte.

„Club 96“ ist eure erste Veröffentlichung. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, zu zweit einen Roman zu schreiben? Wie sind Tobias und Julian entstanden?

Mijana: Wir haben ja vorher schon gemeinsam geschrieben. Auf Fanfiktion.de kann man die eine oder andere Story rund um das Harry-Potter-Universum lesen. Dann kam der Kompromiss „Homoerotik und Krimi“, und letztendlich sind Fall, Charakterbeschreibungen, Namen und Titel innerhalb von wenigen Stunden in einem Bistro entstanden. Alles Weitere hat dann erst einmal online und am Telefon stattgefunden. Sogar das eine oder andere Brainstorming haben wir im Netz durchgezogen, da wir ja nicht im selben Dorf wohnen. Aber es hat immer gut geklappt. Meistens waren wir uns schnell einig. Recherchiert haben wir ebenfalls eher parallel und uns dann telefonisch gegenseitig „informiert“.

Claudia: Wie schon gesagt, schreibe ich viel und leidenschaftlich. Ich glaube, die treibende (manchmal nervende) Kraft war auch hier wieder ich …

Club 96

Euer Protagonist Tobias Hennings erlebt im Roman sein eigenes Coming-out. Denkt ihr, dass es als Kriminalkommissar doppelt so schwer ist, sich zu outen? Dass Kollegen negativ reagieren könnten? Was hat euer Umfeld dazu gesagt, dass euer Held homosexuell ist?

Claudia: Ich glaube, dass ein Outing generell nicht leicht ist. Ganz egal in welchem Beruf, Alter oder sonstigem Umfeld.

Corinna: Ich denke, dass es in künstlerischen Bereichen einfacher ist als in Berufen, die mit einer gewissen Männlichkeit behaftet sind.

Claudia: Männlichkeit, ja, aber auch solche, denen eine Art Vorbildfunktion zugesprochen wird. Denn ich glaube, die meisten Menschen sind leider noch nicht bereit, Homosexualität als gegeben zu akzeptieren oder tolerieren. Zum Umfeld kann ich nur sagen: Ich habe da keinerlei negative Kommentare erhalten. Selbst die Generation meiner Eltern ist da sehr locker und tolerant eingestellt. Wobei ich allerdings dazu sagen muss, dass es keine offen schwul oder lesbisch lebenden Personen in der (Groß)Familie gibt. Ich weiß nicht, wie sie reagieren würden, wenn sie außerhalb eines Buches oder Gespräches damit konfrontiert würden. Obwohl … nein, da habe ich bei den allermeisten großes Vertrauen.

Corinna: Die Tatsache, dass Tobias schwul ist, hat die wenigsten Leute geschockt. Wenn ich allerdings erwähnt habe, dass es auch homoerotische Sexszenen in dem Buch gibt, machten doch einige große Augen.

Der in eurem Buch vorkommende Club 96 entspringt zwar eurer Fantasie, dennoch gibt es auch im wirklichen Leben Clubs, in denen Männer ihren schwulen Neigungen heimlich nachgehen können. Denkt ihr, dass es in manchen Berufen nach wie vor nötig ist, seine Sexualität zu verbergen?

Mijana: Unsere Antwort dazu steht im Grunde ja schon etwas weiter oben.

Corinna: Mir ist mittlerweile aufgefallen, dass es in höheren Positionen, vor allem, wenn man in der Öffentlichkeit steht, oft weniger Probleme macht als z. B. in Handwerksberufen. Niemanden stört, dass Klaus Wowereit oder Guido Westerwelle schwul ist, aber der Metzger von nebenan bitte nicht.

Gerade bei der Polizei hört man immer wieder, dass schwule oder lesbische Kollegen Außenseiter sind und nicht akzeptiert werden. Nach wie vor gibt es sehr große Berührungsängste. In Österreich wollen der Verein „Gay Cops Austria“, in Deutschland „Velspol“, dem entgegenwirken. Ist die Bevölkerung noch immer zu wenig aufgeklärt? Werden homosexuelle Polizisten auf ihre Sexualität reduziert?

Mijana: Da wir beide keine schwulen Polizisten persönlich kennen, können wir hierzu nicht viel sagen, ohne Gefahr zu laufen, irgendwem auf die Füße zu treten.

Claudia: Ich denke nicht, dass es allein an fehlender Aufklärung liegt, obwohl die auch besser sein könnte! Bei vielen ist es einfach die nicht vorhandene Toleranz und das macht mich gelegentlich echt wütend.

Corinna: Ich wusste zum Beispiel auch nicht, dass diese Organisationen existieren, finde es aber toll, dass es sie gibt.

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine ebensolche Frau. Auch in eurem Roman „Club 96“ habt ihr eine Kommissarin geschaffen, die stets einen kühlen Kopf bewahrt. Es heißt, Frauen haben einen „Riecher“, wenn es um schwule Männer geht. Meistens reagieren Frauen auch völlig neutral zu diesem Thema. Woran, glaubt ihr, liegt es, dass Hetero-Männer gegenüber Schwulen oft Berührungsängste haben?

Mijana: Der berühmte weibliche sechste Sinn, was? Ja, die Berührungsängste der Hetero-Männer. Ich glaube, die kommen daher, weil heterosexuelle Männer immer glauben, sie würden für einen schwulen Mann, der ja in ihren Augen grundsätzlich nur an Sex denkt, die größte Versuchung darstellen. Wir bemühen uns redlich, unseren heterosexuellen Freunden diesen Schwachsinn auszureden.

Vor Kurzem hat Schauspieler Axel Milberg in einem Interview im Spiegel gesagt, er würde sich einen schwulen Tatort-Kommissar wünschen. Die ARD-Sender sollen endlich Tabus brechen, ohne daraus einen Riesenskandal zu machen. Was denkt ihr dazu? Könntet ihr euch euren Protagonisten „Hennings“ in einer Serie oder im Film vorstellen? Ist die Welt reif für eine nicht heterosexuelle Krimiserie?

Mijana: Herr Milberg hat uns aus dem tiefsten Herzen gesprochen! Und ja, Tobias ist der ideale Tatort-Kommissar. Ob die Welt reif dafür ist, kann sicher nicht von uns entschieden werden. Aber mit dem richtigen Charakter, einer guten Besetzung (ganz wichtig) und einer glaubhaften Story, in der die Homosexualität des Kommissars nicht in den Vordergrund gedrängt wird, ist es dieses „Risiko“ auf jeden Fall wert.

Claudia: Ich würde jedenfalls nach Jahren mal wieder „Tatort“‘ gucken.

Was dürfen eure Leser zukünftig von „Mijana Lenik“ erwarten? Gibt es weitere gemeinsame Projekte? Plant, recherchiert oder schreibt ihr bereits an weiteren Werken?

Mijana: Wir haben Tobias keine Ruhe gegönnt. Es gibt bereits einen zweiten Fall, der allerdings noch überarbeitet werden muss. Und auch Julian darf noch einmal „ran“. Ob und wann dieser Teil erscheint, hängt dann auch ein wenig vom HOMO Littera-Verlag ab. Vielleicht kommt der bei euch ja nicht an. Wir selbst finden ihn sehr gelungen, aber das müssen wir ja behaupten, gell? Stimmt aber!
Der dritte Teil, der in Österreich spielen sollte, liegt zurzeit auf Eis, weil es kein richtiger Krimi, sondern eher ein Drama geworden ist. Und das darf jetzt jeder interpretieren, wie er möchte (grinsen).

Wir bedanken uns herzlichst für das Interview und wünschen euch weiterhin viel Erfolg.

„Club 96“ ist seit März im Buchhandel und in den meisten Online-Shops erhältlich.


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